Neue künstliche Lunge zur Versorgung von Frühchen

Elternkreis Frühgeborene übergibt Universitäts-Kinderklinik zweites Ecmo-Gerät - Behandlung dieser Art seit 1987 in Mannheim


Manfred Hetzel erinnert sich  noch genau. Seine Frau Silvia und er hatten sich so auf ihr erstes Kind gefreut. Dann gab es während der Schwangerschaft Komplikationen und der kleine Marcus kam 1998 per Kaiserschnitt schon in der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt. "Er wog nur 1200 Gramm, normal sind mindestens 2000 Gramm", sagt Hetzel. Sofort kam Marcus in den Brutkasten und wurde künstlich beatmet. Seine Mutter war noch so schwach, dass man ihr erst einmal nur ein Foto ihres Sohnes zeigen konnte. Aber ab dem dritten Tag besuchte sie den Kleinen täglich und legte den Knirps auf ihre Haut, damit er ihren Herzschlag und ihre Atmung spüren konnte. "Plötzlich ging es mit ihm bergauf", so Hetzel. Nach sechs Wochen durfte Marcus nach Hause zu seinen Eltern. Nur wenige Monate später gründete Hetzel gemeinsam mit anderen den Elternkreis Frühgeborene und kranke Neugeborene Mannheim und wurde dessen Vorsitzender. "Ich weiß, was Eltern von Frühgeborenen durchleben", sagt er.

 

Dr. Thomas Schaible (links) und der Vorsitzende des Elternkreises Frühgeborene, Manfred Hetzel, vor dem neuen Ecmo-Gerät, einer Art künstliche Lunge für  "Frühchen".

Rund 800.000 Kinder werden jedes Jahr in Deutschland geboren, darunter sind etwa 50.000 Frühgeborene, auch "Frühchen" genannt. Frühgeborene sind Neugeborene, die vor der 37. vollendeten Schwangerschaftswoche zur Welt kommen. Zu den Ursachen für Frühgeburt zählen gesundheitliche Probleme der Mutter, wie beispielsweise Bluthochdruck, Diabetes oder chronische Nieren- und Herzleiden. Außerdem können Komplikationen während der Schwangerschaft zur Frühgeburt führen, etwa eine Muttermundschwäche. Bei etwa der Hälfte aller Frühgeburten sind die Ursachen unbekannt.

Für die Eltern bedeutet eine Frühgeburt oft eine Zeit der Leiden. Eine Mutter von frühgeborenen Zwillingen klagt: "Der geliebte Bauch ist weg und kein Baby in meinen Armen." Es beginnt das bange Warten: Werden die Kinder überleben? Werden sie sich gesund entwickeln? Jeder Glückwunsch zur Geburt wird den Eltern in dieser Zeit zur Qual. Jedes Telfonklingeln in der Nacht bedeutet einen Riesenschreck. "Man hat immer Angst, dass die Klinik mit schlechten Nachrichten anruft", sagt Hetzel. Sprüche von Freunden wie "Das wird schon gut werden" helfen da wenig. Deshalb bietet der Elternkreis das Gespräch mit Eltern in einer ähnlichen Situation an.

Der Elternkreis kümmert sich aber auch um ganz praktische Hilfen. Jetzt hat er für die Mannheimer Klinik ein Ecmo-Gerät für etwa 60.000 Euro angeschafft. Finanziert wurde das Gerät über die "Aktion Herzenssache" des Südwestrundfunks. Die Abkürzung Ecmo steht für extrakorporale Membranoxygenierung. Dabei handelt es sich - vereinfacht ausgedrückt - um eine künstliche Lunge. Die Wirkungsweise beruht darauf, dass das sauerstoffarme, kohlenmonoxidreiche Blut aus dem Körper des Patienten in die Ecmo-Maschine gepumpt wird. Dort wird es vom Kohlenmonoxid befreit und mit Sauerstoff angereichert - das sind Aufgaben, die normalerweise die Lunge übernimmt. Anschließend wird das frische Blut wieder in den Körper zurückgeführt. 

Während bei einer Herz-Lungen-Maschine und bei der künstlichen Beatmung die Sauerstoffanreicherung weiterhin in der Lunge geschieht, wird durch die Ecmo-Therapie die Lunge in ihrer Funktion überbrückt. Das ist wichtig, wenn die Lunge sich aufgrund einer schweren Erkrankung des Neugeborenen nach der Geburt nicht eröffnen lässt. Die Ecmo-Maschine kann diese Funktion notfalls bis zu vier Wochen übernehmen. "Dabei muss das Kind Tag und Nacht von einer Fachkinderkrankenschwester überwacht werden", sagt Monika Schindler, Stationsleiterin der Kinder- Intensivstation, denn bei Problemen muss sofort eingegriffen werden.

Die Intensivstation der Mannheimer Universitäts-Kinderklinik bietet seit 1987 die Ecmo-Behandlung an und war das erste Ecmo-Zentrum in Europa. Pro Jahr werden in Mannheim  etwa 28 Kinder mit dem Ecmo-Gerät behandelt. Diese kommen nicht nur aus Mannheim, sondern aus ganz Deutschland. Mit dem neuen Gerät wird es nun möglich sein, zwei Patienten gleichzeitig mit dieser Methode zu behandeln. "Darüber sind wir sehr froh", sagen Professor Walter Nützennadel, Direktor der Universitäts-Kinderklinik, und Oberarzt Dr. Thomas Schaible (glb)

 Die Rheinpfalz - Nr. 89, Montag, 18. April 2005


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