"Frühchen" Kim wog nur 380 Gramm
Der einstige Winzling ist inzwischen ein halbes Jahr alt - und gesund
Der einstige Winzling ist inzwischen ein halbes Jahr alt - und gesund Der Fotograf bekam noch ein zaghaftes Lächeln mit Gähnen geschenkt, danach zog es die kleine Kim vor, ihren großen Auftritt zu verschlafen. Zufrieden döste sie in Mamas Arm - eben wie ein normales Baby. Und darin besteht das kleine Wunder. Denn Kim wurde am 11. April, gut drei Monate vor dem errechneten Entbindungstermin, im Mannheimer Klinikum per Kaiserschnitt als eine Hand voll Mensch auf die Welt geholt: Sie wog gerade mal 380 Gramm. Der Winzling galt nach dem Buchstaben des Gesetzes nicht einmal als Frühgeburt - denn die wird ab 500 Gramm definiert. Dank moderner Medizin schaffte es Kim nicht nur zu überleben, sondern sich gesund zu entwickeln. "Ein Glücksfall", so Dr. Thomas Schaible, Oberarzt der Kinderklinik.Üblicherweise hat ein Kind 40 Wochen Zeit, um im Mutterleib zu reifen. Als Dunja Scholl ihr drittes Baby erwartete, zeigte sich bei Vorsorgeuntersuchungen, dass das Ungeborene für sein Entwicklungsstadium zu klein war und nicht mehr wuchs. Die Weinheimerin wurde in die Mannheimer Universitätsfrauenklinik überwiesen. Nach Gesprächen mit den Eltern entschloss man sich zum Kaiserschnitt - in der erst 27. Schwangerschaftswoche. Obwohl das 25 Zentimeter kleine Mädchen das leichteste Neugeborene war, das je im Klinikum das Licht der Welt erblickt hat, "war es relativ rosig und vital", erinnert sich Dr. Schaible. Kim atmete sogar selbstständig, zeigte sich aber rasch erschöpft. Sie musste intubiert werden. Aber nach knapp einer Woche hatte sich die Lunge soweit geöffnet, dass der Säugling ohne Atemhilfe auskam. Vermutlich haben gezielte Maßnahmen zur Lungenreifung dazu beigetragen. Wie Dr. Stefanie Volz-Köster, Oberärztin der Frauenklinik, erläutert, bekam die Mutter zwei Tage vor dem Kaiserschnitt Cortison verabreicht, damit dieses über den Mutterkuchen das Ungeborene erreicht.
Bis zum 14. August blieb Kim im Inkubator, im Volksmund Brutkasten genannt. Die Muttermilch bekam sie mit Infusionen über eine Magensonde. Obwohl die Scholls zu Hause noch zwei weitere Sprösslinge und zwei Pflegekinder zu versorgen haben, fuhr die Mutter täglich auf die Neugeborenen-Intensivstation. Gerade Frühchen, deren Leben an Schläuchen und Sonden (und oftmals an einem seidenen Faden) hängt, sollen Mamas Haut oder auch Papas Herzschlag spüren, deren Stimme hören, Streicheleinheiten bekommen - sollen trotz und gerade wegen der High-Tech-Medizin Geborgenheit erfahren.
Als Dunja Scholl nach dem Kaiserschnitt das Foto ihres Töchterchens sah, hatte sie zunächst keine Hoffnung. "Die kam erst einige Tage später." Mitte August durfte Kim - inzwischen 2200 Gramm schwer - die Klinik verlassen. Inzwischen schläft sie nachts durch, entwickelt sich wie ein ganz normales besonders zartes Baby.
Im Mannheimer Klinikum werden jährlich knapp 1600 Kinder geboren. Etwa 30 kommen mit unter tausend Gramm auf die Welt. Drei Viertel der "Frühchen", die es schaffen, stecken anfängliche Defizite so weg, dass sie sich gesund und munter entwickeln können. Aber bei einem Viertel der Winzlinge, so Dr. Schaible, bleiben Behinderungen. Und diese Ungewissheit macht betroffenen Familien zu schaffen. Beistand leistet in Mannheim ein Elternkreis. (wam)
Der "Elternkreis für Frühgeborene und kranke Neugeborene" ist über die Rufnummer 0621/4 96 22 55 zu erreichen.
Zu diesem Artikel ein Nachtrag der Mutter (29.9.2003):
Meine Tochter Kim ist heute 3 Jahre alt und putzmunter.
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