Tipps an der Hand für eine Hand voll Leben
"Da richtet man sich drauf ein, in acht Wochen Nachwuchs zu haben, und plötzlich ist da ein winziges Etwas". Eine Erfahrung, die bei durchschnittlich 1700 Geburten in Mannheim jährlich die Eltern von rund 50 Kindern machen. "Frühchen" werden die Winzlinge liebevoll genannt. Auch Manfred Hetzel, Vorsitzender des Mannheimer "Elternkreises für Frühgeborene und kranke Neugeborene", eines seit Ende August eingetragenen Vereins, ist Vater eines "Frühchens". Als sein heute ein Jahr alter Sohn Marcus im siebten Schwangerschaftsmonat auf die Welt geholt werden musste, weil das Kind auf Grund von Kreislaufschwierigkeiten der Mutter im Bauch nicht mehr versorgt wurde, wog der kleine Mensch 1200 Gramm. Immerhin 700 Gramm mehr als die kleinsten Frühchen, die nach dem derzeitigen Stand der Medizin am Leben erhalten werden können
Mit der Geburt eines Frühgeborenen beginnen eine Reihe von Problemen, mit denen "normale" Eltern in der Regel nicht konfrontiert sind und die mit der Entlassung aus der Klinik nicht beendet sind: Sie können sich bis zur Einschulung fortsetzen. Um über diese zu sprechen, Tipps auszutauschen und Wissen zu bündeln, gründete sich der Elternkreis, in dem inzwischen rund 80 Elternpaare aus der gesamten Region Mitglied sind. Der Verein ist dem Bundesverband der Frühgeborenen-Vereine angeschlossen.
Initiator war ursprünglich das Mannheimer Klinikum - das aber große Zweifel daran hegte, dass die Sache sich etablieren würde. Der Bedarf nach Austausch ist aber erheblich größer als erwartet, was sich jüngst auch beim Tag der offenen Tür des Klinikums zeigte, bei dem der Verein mit einem Stand vertreten war. "Es ist schon etwas anderes, wenn man mit Leuten spricht, die Gleiches oder Schlimmeres erlebt haben", weiß Manfred Hetzel aus eigener Erfahrung.
So allein und so hilflos wie am Abend nach der Geburt seines Sohnes, erinnert er sich gut, habe er sich in seinem ganzen Leben nicht gefühlt. Plötzlich ein Kind zu haben, das zwar nicht krank ist, aber auch nicht lebensfähig, das beatmet wird und für Wochen in der Klinik wird bleiben müssen: eine im höchsten Mass belastende Situation, angefüllt mit Ängsten. Der Elternkreis fängt die Gleichgesinnten auf, sichert Wissen, das Eltern von Frühchen ihre Situation erleichtern können und ihnen hilft, die oft schwere Zeit mit Intensivstation und Brutkasten zu bewältigen. Und danach einen "gesunden" Weg ohne übertriebene Fürsorge im goldenen Käfig zu gehen, dabei mit allen Hilfestellungen, die dem kleinen Menschen in seiner Entwicklung förderlich sein können. "Wir haben so erfahren, dass es Frühgymnastik gibt. Wir haben dann den Kinderarzt darauf angesprochen, der sagte, ja, so etwas gebe es. Von alleine hat er uns nicht darauf aufmerksam gemacht", nennt Hetzel ein Beispiel. Dank der Frühgymnastik, habe sein Söhnchen schnell seine motorischen Defizite wettgemacht. Viele der Tipps helfen auch den Eltern kranker Neugeborener weiter. Im Verein sind auch Ärzte, Hebammen und Säuglingsschwestern. "Die Schwestern kümmern sich um die Kinder wie um ihre eigenen, wochenlang, Tag und Nacht. Plötzlich, mit der Entlassung, sind sie weg. Für sie ist es überaus wohltuend, im Elternkreis zu erleben, wie sich die Kinder entwickeln", erläutert der Vereinsvorsitzende.
Kontakt
Elternkreis-Vorsitzender Manfred Hetzel ist unter Telefon (0621) 4962255 zu erreichen, der Verein per e-mail unter fruehchen_mannheim@yahoo.de. Der Elternkreis trifft sich an jedem 10. des Monats im Lehrsaal der Kinderklinik des Uniklinikums.
Von unserer Redakteurin: Judith Schäfer
RON - RHEINPFALZ ONLINE, Dienstag, 28. Sep
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